Anstrengung

„Ich bin müde, die Art von Müdigkeit, die Kaffee nicht besiegen kann, der Red Bull keine Flügel leiht.“

Es ist so anstrengend jeden Morgen wieder aufzustehen. Ich bin so erschöpft jeden Morgen wieder neue Hoffnung zu schöpfen. Ich weiß nicht mehr, wo ich meine Kraft hernehmen soll.

In letzter Zeit läuft alles etwas langsamer bei mir. Ich war mal ein Mensch, der morgens um 8 Uhr voller Tatendrang aufgewacht ist, sich einen Plan für den Tag gemacht hat und nach und nach alles abarbeitete. Ich stehe auch jetzt noch um 8 Uhr auf, habe einen Tagesplan, aber heute bleibe ich noch stundenlang im Bett liegen, schaffe es nicht mich aufzuraffen überhaupt erst mal ins Bad zu gehen. Manchmal schalte ich den Fernseher an, versuche mich abzulenken, um irgendwann mit schlechtem Gewissen aufzustehen und zu versuchen alles anzugehen, was so ansteht.

Der Druck, dass ich in der nächsten Woche noch eine mündliche Prüfung absolvieren und dafür lernen muss, ist sehr groß. Das ist eigentlich unnötig, denn ich liege gut im Zeitplan und es gibt nicht viel zu lernen. Aber der Gedanke, dass ich überhaupt erst mal wieder meine Bücher aufschlagen und mich dazu motivieren muss anzufangen, zieht mich runter. Trotzdem ist dieser Druck wahrscheinlich ganz gut für mich. Er hält mich über Wasser, lässt mich nicht untergehen. Ich bin froh, wenn in der nächsten Woche die Uni wieder los geht, die Semesterferien vorbei sind und ich so etwas wie einen Alltag habe.

Ich habe Angst komplett verschluckt zu werden. Leben ist grad so ermüdend, so anstrengend.

zukünftig

Zukunft. Zukunft heißt  für mich mein Studium erfolgreich zu beenden. Zukunft heißt für mich glücklich in meinem Beruf zu werden. Zukunft heißt für mich Familie gründen. Und eigentlich hieß Zukunft auch immer, dass ich wieder in die Nähe meiner Heimatstadt ziehe. Ich wollte immer, dass meine Kinder ihre Großeltern nicht nur ein paar Mal im Jahr zu Geburts- und Feiertagen sehen. So war der Plan.

In letzter Zeit denke ich aber nicht nur noch über meine Zukunft nach. Ich denke auch über die Zunkunft meiner kleinen Schwester nach. Ich wünsche ihr, dass die nächsten zwei Jahre ganze schnell rumgehen, dass sie ihr Abitur mit guten Noten besteht, dann einen Ausbildungs- oder Studienplatz findet und auch endlich zu Hause ausziehen kann. Ich wünsche ihr, dass sie ihr eigenes Leben führen lernt. Und ich hoffe, dass sie nur ein bisschen so wird wie ich. Lexa geht ganz anders mit der Situation zu Hause und mit Mama um als ich. Lexa tickt öfter mal aus, brüllt Mama an, mischt sich in Dinge ein, die sie nichts angehen. Ich hoffe, dass sie sich nach ihrem Auszug in zwei Jahren nicht von Mama distanziert, hoffe nicht, dass sie den Kontakt abbricht. Aber genau so schätze ich sie ein, genau das befürchte ich.

Und was wird aus Mama und Papa? Wie wird es weitergehen? Die Hoffnung auf eine Zwangseinweisung gebe ich nicht auf, aber was würde dann kommen. Wäre Mama die gleiche wie vor drei Jahren? Hätte sie alles vergessen, was passiert war? Würde sie verstehen? Ich glaube nicht und ich kann mir auch nicht vorstellen, wie es sein soll, wenn es dazu kommen würde.
Und wie wird es ohne Therapie? Soll das ein Leben lang so weiter gehen? Gute Tage, schlechte Tage – alle psychisch am Ende. Das ist kein Leben, weder für Mama , noch für Papa. Sie sind 46. Sie haben noch viele viele Jahre Leben vor sich. Aber das kann’s doch nicht gewesen sein.

Vielleicht blicke ich ein paar Jahren auf diesen Artikel zurück und lache. Oder, und das nehme ich eher an, ich schreibe in ein paar Jahren genau den gleichen Artikel noch mal.

Deutsche Gesetze

Zwangseinweisung hört sich so unschön an, ein blödes Wort. Es klingt nach Gewalt, nach Freiheitsentzug.
Es ist richtig, dass es Gesetze gibt. Es ist auch wichtig, dass es das Psychisch-Kranken-Gesetz, kurz PsychKG gibt, ein Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen sowie über den Vollzug gerichtlich angeordneter Unterbringung für psychisch kranke und seelisch behinderte Menschen. Schließlich könnte ohne Gesetze, ohne solche Gesetze viel Schindluder getrieben werden. Trotzdem wünschte ich mir schon oft, dass das alles etwas einfacher wäre, mit etwas weniger Paragraphen und Artikeln.

Das PsychKG regelt unter anderem, dass man eine Person nur zwangseinweisen kann, wenn sie eine Gefahr für sich selbst oder andere ist. Das ist Mama leider nicht und doch ist das unsere letzte Chance, der letzte Funken Hoffnung beruht darauf, dass sie irgendwann mal richtig ausrastet.

Natürlich habe ich Angst. Natürlich habe ich Angst, dass Mama mit dem Auto einfach mal gegen einen Baum fährt oder sich einen Tablettencocktail mixt, wie sie es schon einige Male angedeutet hat. Und auch ich habe schon so oft mit Mama im Auto gesessen und auf der Landstraße mit dem Gedanken gespielt das Lenkrad rumzureißen. Wie oft hatte ich schon ein Messer in der Hand, stand in der Küche und wollte mir nur ein bisschen am Arm rumritzen? Wie oft habe ich überlegt mich die Treppe hinunterzustürzen?
Aber wer versichert mir denn, dass das alles hilft. Wer gibt mir die hundertprozentige Sicherheit, dass Mama dann eingewiesen und irgendwann ein halbwegs normales Leben führen wird. Wer gibt mir die Sicherheit, dass sie mich danach nicht hasst, dafür, dass ich sie verraten habe?
Niemand.

Zwangseinweisung – so ein unglaublich hässliches Wort und doch die letzte Chance, die letzte Hoffnung.

Wenn Mama weint

Oh ja, ich weiß, wie sehr es schmerzt, wenn Mama Papa Vorwürfe macht, ihm vorhält, dass er ein schlechter Mensch sei, aufzählt, was er alles falsch gemacht hat. Ich weiß, wie sehr es weh tut – mir und auch Papa.

Am Wochenende zu Hause, brauchte es nur einen falschen Satz von mir und die Stimmung von Mama kippte. Ich hatte so ein schlechtes Gewissen, weil Papa sagte, dass es der erste Tag seit letzter Woche war, dass sie wieder mit ihm redete.
Mama ging eine Zigarette rauchen. Ich hörte schon am Gang und der Art, wie die Türen knallten, dass der Abend nicht gut enden wird. Als sie wieder ins Zimmer kam, hatte Mama rote Augen, verquollen. Sie schluchzte.

Ohne, dass ich etwas dagegen tun konnte, liefen mir sofort auch die Tränen über’s Gesicht. Sie weinte bitterlich, flüsterte nur noch vor sich hin. Sie redete mit sich selbst, fragte immer wieder: „Warum? Warum ich?“

Als sie ging, sagte ich zu Papa, dass ich es kaum aushalte, wenn sie ihn anbrüllt und schimpft. Aber ich sagte auch, dass ich das trotzdem lieber habe, als ihre Tränen zu sehen. Zu wissen, dass sie selbst feststeckt, nicht mehr raus kommt, tut so unendlich weh.
Oh ja, ich weiß, wie sehr es schmerzt, wenn Mama Papa Vorwürfe macht, ihm vorhält, dass er ein schlechter Mensch sei, aufzählt, was er alles falsch gemacht hat. Ich weiß, wie sehr es weh tut – mir und auch Papa.
Aber Papa weiß, dass sie es nicht so meint, Papa weiß, dass sie krank ist. Mama weiß es nicht. Mama denkt, dass die ganze Welt gegen sie ist, dass die ganze Welt sie leiden sehen will.

Am liebsten würde ich niemanden von beiden weinen sehen.

Mein kleines großes Fragezeichen

Warum? Diese Frage stelle ich mir oft. Warum meine Mama? Warum meine Familie? Warum? Warum? Warum?

Anfang letzten Jahres war es grad wieder sehr schlimm mit Mama. Nicht annähernd so schlimm wie jetzt, aber trotzdem schlimm. Es war eigentlich eine Kurzschlussreaktion, dass ich ein Tattoostudio anschrieb, um einen Termin zu vereinbaren.
Bevor es so schlimm wurde, war monatelang alles okay. Ich war beinahe wieder dabei zu vergessen, was in den Tiefen Mamas Gehirns schlummerte. Das wollte ich nicht. Ich wollte nicht vergessen, für immer daran erinnert werden.

Im Februar letzten Jahres saß ich dann bei meiner Tätowiererin auf dem Stuhl und nach 15 min war der ganze Spuk auch schon wieder vorbei. Mein Baby-Tattoo. Meine Erinnerung an die Frage „Warum?“ Ich ließ mir ein daumenbreites Fragezeichen am Handgelenk stechen. In manchen Situationen streichle ich unbewusst darüber. Wahrscheinlich gerade dann, wenn sich die Frage mal wieder aufdrängt.

Wenig Menschen wissen, was mein Fragezeichen wirklich bedeutet. Vielen sage ich einfach nur, dass es für eine Frage steht, die ich mir mein Leben lang stellen werde. Das ist ja auch keine Lüge, nur eben nicht die ganze Wahrheit. Auch meine Familie kennt nicht die ganze Wahrheit. Papa weiß es, meine Schwester weiß es. Meine beiden Omas, Opa, meine vier Tanten, vier Onkels, vier Cousins und zwei Cousinen wissen es nicht. Freunde, die es wissen, kann ich an einer Hand abzählen.

Auch Mama habe ich erst vor kurzem die ganze Wahrheit erzählt. Sie erzählte mal wieder ihre Geschichte, ich rechtfertigte mich und sagte ihr schluchzend und unter Tränen, dass ich mir mein Fragezeichen hab stechen lassen für die Frage, warum ihr das alles passiert ist. Sie ignorierte das.

Genau, wie nur wenige die Wahrheit über mein Fragezeichen kennen, hüte ich auch das Geheimnis meiner Mama, welches es in sich birgt. Mein Fragezeichen ist mein kleines Geheimnis und mit Geheimnissen muss man vorsichtig umgehen, vor allem, wenn sie nicht einen selbst betreffen.

Auch, wenn irgendwann mal Normalität, was ich nicht glaube, in mein Leben, Mamas und Papas Leben, das Leben meiner Schwester einkehren sollte, möchte ich durch mein Fragezeichen für immer an die Krankheit meiner Mama und diese schlimme Zeit erinnert werden. Ich möchte daran erinnert werden, wie schnell sich alles ändern kann, wie plötzlich die Schalter in Mamas Gehirn umgelegt werden können. Ich möchte nicht vergessen, wie macht- und hilflos man sich fühlt.

Mein Fragezeichen soll mich immer daran erinnern.

Aprilscherz

Wie oft wünsche ich mir morgens aufzuwachen und zu merken: „Hey, war alles nur ein Traum.“ Vor allem heute, wünsche ich mir, dass einfach jemand zu mir kommt und sagt „April, April.“

Ich kriege das Bild von Papa am Bahnhof nicht aus meinem Kopf heraus. Mir wird ganz schlecht, wenn ich nur daran denke. Ich suche ununterbrochen eine Lösung für das Problem. Wie kann ich weiterleben mit meiner kranken Mama? Wie kann ich weiterleben mit meinem leidenden Papa? Wie kann ich Papa unterstützen?

Ich überlege neben der Uni arbeiten zu gehen. Mein Studium würde das absolut zulassen. Ich könnte mir einen 400€-Job suchen. Das Geld würde ich Mama geben. Vielleicht wären wir damit einen Schritt näher an einer Veränderung?!
Ich weiß es nicht.

Ich hab gestern kaum gegessen, hab’s nicht mal geschafft duschen zu gehen. Ich muss mich zusammen nehmen und mich ans Studium klammern. Das hält mich oben. Das lässt mich nicht untergehen. Ich geh in letzter Zeit alles langsamer an, trödele viel rum. Aber ich bin froh, dass ich es überhaupt angehe.

Kommt schon! Ruf doch bitte einfach jemand „April, April!“

Wenn Papa weint

Als Papa mich gestern zum Bahnhof brachte und wir auf den Zug warteten, nahm er mich in den Arm und ich schluchzte und ließ meine Tränen laufen. Der Himmel weinte mit mir – es regnete in Strömen.

Während wir uns unterhielten, scharrte er die ganze Zeit mit den Füßen auf dem Boden. Er schaute in den Himmel, nach unten und wieder zurück.
Als er mich im Arm hielt, sagte er mir, dass wir Kinder ihm am meisten Leid tun. Und ich dachte nur, dass es mir genauso geht. Diese Selbstlosigkeit in einer schrecklichen Situation nicht an sich selbst, sondern an andere zu denken, habe ich wohl von ihm.

Als der Zug kam, stieg ich ein, suchte mir einen Sitzplatz am Fenster, um zu winken – unser Ritual. Papa guckte die ganze Zeit auf den Boden, die Händen in den Taschen, mit den Füßen scharrend. Der Zug rollte los und er schaute mich immer noch nicht an. Ich dachte, dass er doch jetzt endlich hochgucken solle, dass er es mir jetzt nicht noch antun solle sein Gesicht nicht noch mal zu sehen, unser Ritual zu brechen. Jetzt würde ich mir wünschen, er hätte nicht hoch geguckt, mir nicht gewunken.

Als er mich anblickte, war sein Gesichtsausdruck schmerzerfüllt. Er versuchte zu lachen, aber ich sah ihm an, wie sehr er sich quälte. Ich sah ihn noch, als ihm sein Lächeln entglitt, seine Augen sich mit Tränen füllten, er sich von mir wegdrehte, dass ich ihn nicht sehen muss. Aber der Zug war noch nicht weit genug gefahren und ich sah, wie er sich umdrehte, die Hand vor den Mund hielt und weinte.

Mein Papa weinte. Mein Papa, der stärkste Mann der Welt. Mein Papa, der seine Familie so unendlich liebt, dass er sie nicht verlässt und immer noch alles tut, um Mama zu retten. Mein Papa, der Mann, der sonst immer den Durchblick behält. Mein Papa, der Mann, der sonst alles weiß. Mein Papa, mein Held.
Mein Papa stand am Bahnhof und weinte. Es brach mir das Herz. Anderthalb Stunden Zugfahrt weinte ich bitterlich, konnte mich nicht beruhigen. Es tat mir so unendlich weh, ihn so leiden zu seh.

Auch jetzt noch, wenn ich diesen Text schreibe, kann ich durch meine tränenerfüllten Augen kaum etwas sehen. Das Bild meines Papa, der am Bahnhof steht und weint, geht mir einfach nicht aus dem Kopf.
Wenn ich keinen Ausweg wusste, wusste Papa eine Lösung. Aber nun ist alle Hoffnung verloren. Es gibt keinen Notausgang, keine Rettung. Wir sind verloren, dass zeigten mir Papas Tränen einmal mehr.