Mein kleines großes Fragezeichen

Warum? Diese Frage stelle ich mir oft. Warum meine Mama? Warum meine Familie? Warum? Warum? Warum?

Anfang letzten Jahres war es grad wieder sehr schlimm mit Mama. Nicht annähernd so schlimm wie jetzt, aber trotzdem schlimm. Es war eigentlich eine Kurzschlussreaktion, dass ich ein Tattoostudio anschrieb, um einen Termin zu vereinbaren.
Bevor es so schlimm wurde, war monatelang alles okay. Ich war beinahe wieder dabei zu vergessen, was in den Tiefen Mamas Gehirns schlummerte. Das wollte ich nicht. Ich wollte nicht vergessen, für immer daran erinnert werden.

Im Februar letzten Jahres saß ich dann bei meiner Tätowiererin auf dem Stuhl und nach 15 min war der ganze Spuk auch schon wieder vorbei. Mein Baby-Tattoo. Meine Erinnerung an die Frage „Warum?“ Ich ließ mir ein daumenbreites Fragezeichen am Handgelenk stechen. In manchen Situationen streichle ich unbewusst darüber. Wahrscheinlich gerade dann, wenn sich die Frage mal wieder aufdrängt.

Wenig Menschen wissen, was mein Fragezeichen wirklich bedeutet. Vielen sage ich einfach nur, dass es für eine Frage steht, die ich mir mein Leben lang stellen werde. Das ist ja auch keine Lüge, nur eben nicht die ganze Wahrheit. Auch meine Familie kennt nicht die ganze Wahrheit. Papa weiß es, meine Schwester weiß es. Meine beiden Omas, Opa, meine vier Tanten, vier Onkels, vier Cousins und zwei Cousinen wissen es nicht. Freunde, die es wissen, kann ich an einer Hand abzählen.

Auch Mama habe ich erst vor kurzem die ganze Wahrheit erzählt. Sie erzählte mal wieder ihre Geschichte, ich rechtfertigte mich und sagte ihr schluchzend und unter Tränen, dass ich mir mein Fragezeichen hab stechen lassen für die Frage, warum ihr das alles passiert ist. Sie ignorierte das.

Genau, wie nur wenige die Wahrheit über mein Fragezeichen kennen, hüte ich auch das Geheimnis meiner Mama, welches es in sich birgt. Mein Fragezeichen ist mein kleines Geheimnis und mit Geheimnissen muss man vorsichtig umgehen, vor allem, wenn sie nicht einen selbst betreffen.

Auch, wenn irgendwann mal Normalität, was ich nicht glaube, in mein Leben, Mamas und Papas Leben, das Leben meiner Schwester einkehren sollte, möchte ich durch mein Fragezeichen für immer an die Krankheit meiner Mama und diese schlimme Zeit erinnert werden. Ich möchte daran erinnert werden, wie schnell sich alles ändern kann, wie plötzlich die Schalter in Mamas Gehirn umgelegt werden können. Ich möchte nicht vergessen, wie macht- und hilflos man sich fühlt.

Mein Fragezeichen soll mich immer daran erinnern.

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