„Gibt es denn keinen anderen Weg?“

… fragte Papa gestern, als er von der Arbeit kam. Ich saß noch in der Küche und trank Tee. Mama wartete nicht mal ab, bis ich in mein Zimmer flüchten konnte. Sie belagerte ihn sofort.
„So Tommi, ich möchte jetzt eine Entscheidung von dir hören. Ich möchte wissen, ob du diesen Schritt mit mir gehst, das Haus verkaufst und wir in eine andere Stadt ziehen. Ich hasse dieses Haus, diese Stadt, die Menschen..“ Und es ging genauso weiter wie den Tag davor, davor und davor..
Seit 5 Tagen ging das so. Seit ich wieder zu Hause war, machte Mama Papa von morgens bis abends Vorwürfe, erzählte ihre Geschichte. Ihre Geschichte, die wir alle in- und auswendig kennen.

Papa ist kaputt, er kann nicht mehr. Wie muss es ihm damit gehen, jetzt eine Entscheidung treffen zu müssen? Und welche Möglichkeiten gibt es überhaupt?
Möglichkeit A) Papa verkauft das Haus, wie Mama es möchte. Wir ziehen um. Meine Schwester würde die Schule wechseln müssen. Papa müsste sich einen neuen Job suchen. Wir würden noch mal ganz von vorne anfangen. Mama würde ein neues Haus bauen wollen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Unser Haus ist Papas Baby. Er hat es gebaut, er hat so viel gemacht an diesem Haus. Er würde es Mama nie verzeihen, wenn er es verkaufen würde. Schlussendlich würde spätestens nach einem halben Jahr die ganze Misere in der neuen Stadt von vorne losgehen. Mama denkt, dass sie einfach von den ganzen Menschen wegmüsse, um alles zu vergessen und wieder normal weiterleben zu können. Aber das funktioniert so nicht. Sie ist krank und ihre Krankheit würde mit umziehen.
Möglichkeit B) Papa verkauft das Haus nicht. Mama zieht aus. Wie sollte das funktionieren? Mama geht nicht arbeiten, verdient kein Geld. Papas Einkommen reicht aus, um einen Haushalt zu versorgen, nicht für zwei. Scheidung? Aber mit welchem Grund? Wenn Mama zum Anwalt geht und sagt, dass sie die Scheidung will, wird sie ihre Geschichte erzählen und kein Richter wird das ernst nehmen. Ein psychologisches Gutachten würde erstellt werden. Das würde ihr komplett den Boden unter den Füßen wegreißen.

Nachdem ich mich in mein Zimmer verkrümelt habe, habe ich Mama schreien hören wie noch nie. Ob Papa denn total bekloppt seie. Dass sich ja jetzt alles bestätigen würde. Er habe sie nie geliebt. Es ginge immer nur um ihn. Jetzt wüsste sie Bescheid.
Ich wusste nicht, was Papa gesagt hatte, dass Mama so ausflippt. Später erzählte er es mir.

Papa brachte mich zum Bahnhof. Ich fuhr wieder in die Großstadt, wo ich des Studiums wegen wohne. Ich hab zwar noch Semesterferien, muss aber für mündliche Prüfungen lernen und da kann ich mich in meiner Wohnung einfach besser konzentrieren.
Schon im Auto fing Papa an zu erzählen. Ich merke immer, wenn wir alleine sind, dass es ihm gut tut mit jemandem zu reden. Er braucht das. Er frisst alles in sich hinein, sieht selber keinen Ausweg mehr.
Er fragte mich, was er denn nun tun solle. Ich machte ihm den Vorschlag das Haus erst mal zu vermieten, dass es nicht sofort weg ist und man vielleicht die Möglichkeit hat, wieder zurückzukommen, falls sich doch noch irgendwann alles zum Guten wenden sollte. Aber er weiß ja so gut wie ich, dass auch ein Umzug nichts ändern wird. Er erzählte mir, was er gesagt hat, als Mama so ausgeflippt ist. Er hat ihr den Vorschlag gemacht ihr Geld zu geben, dass sie sich alleine eine Wohnung suchen kann. Dieser Vorschlag kam von Mama, nicht von Papa, er hat ihn nur noch mal wiederholt. Aber das war wohl zu viel.
Aber auch wenn sie ausziehen würde, sagte Papa, hätte er ja keine Ruhe. Er wüsste ja nicht, wie sie zurechtkäme und würde sich nur Sorgen machen. Drei Jahre diese ausweglose Situation und trotzdem denkt er immer noch an Mama und ihr Wohlbefinden.

Mein armer Papa muss sich Vorwürfe anhören, dass er Mama nicht liebt. Dabei ist er es doch, der seit drei Jahren bei ihr ist, zu ihr steht. Er hat mir gestern erzählt bei wie vielen verschiedenen Ärzten und Psychologen er war, mit wem er alles telefoniert hat. Das wusste ich alles gar nicht. Mein Papa ist so stark. Er ist in einer ausweglosen Situation, genau wie der Rest unserer Familie. Aber er hat den größten Balast zu tragen. Er hat muss sich tagtäglich Vorwürfe anhören, die so unglaublich bösartig sind und mir das Herz brechen.
Papa hat gesagt, dass er das nicht mehr lange durchhält und doch im gleichen Atemzug sagte er, dass er nicht wisse, was er machen soll. Er findet keine Lösung, sieht keinen Ausweg. Er sagte, dass er auch auf der Arbeit nicht mehr abschalten kann, dass kleinste Aufgaben für ihn zum Problem werden.

Ich fühle mich so hilflos Papa so leiden zu sehen.

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3 Gedanken zu “„Gibt es denn keinen anderen Weg?“

  1. Ich weiß ja inzwischen, dass Du bestimmt noch mehr erzählen wirst. Deshalb warte ich jetzt eher ab mit Kommentaren.
    Ich weiß nicht, ob dir das jetzt was bringt. Frieden bringt es bestimmt nicht. Es wird nur immer sehr viel in Bezug auf Trennung erzählt, was schon lange nicht mehr stimmt und ich will bald mal einen Blogbeitrag dazu bringen. Daher etwas zur Richtigstellung bei Möglichkeit B. Wenns Dir nichts bringt, lies es einfach nicht.
    In Deutschland fragt kein Anwalt, kein Richter heute noch nach dem Grund einer Trennung. Es gibt keine Schuldfrage oder so. Das war vor vielen Jahren mal.
    Ja, vielleicht nutzt deine Mutter den Anwalt oder den Richter als Plattform, um alles mögliche los zu werden. Damit wird sie allerdings nicht weit kommen. Das Honorar des Anwaltes richtet sich nach dem Streitwert und der muss einigermaßen objektiv festlegbar sein (z.B. der Wert dessen, was die Eheleute in der Ehe gemeinsam angeschafft haben, also Haus etc. …). Mit ihren Geschichten klaut deine Mutter dem Anwalt nur Zeit und dem Richter Nerven. Das werden beide nicht mit sich machen lassen.
    Ich sehe daher nicht, dass das Trennungsverfahren zu einem psychologischen Gutachten führen würde. Das Verfahren würde sich ggf. ewig hinziehen und deine Mutter hätte Probleme, einen Anwalt zu finden bzw. zu halten. Aber wenn ein Partner (dein Vater?) es verlangt, würde ein Richter dann einfach entscheiden.
    Alles das ist aber in finanzieller Hinsicht eigentlich irrelevant. Wenn deine Mutter morgen auszieht (wie gesagt, aus welchem Grund auch immer) und sie anschließend nicht mit einem neuen Partner zusammen wohnt, steht ihr Ehegattenunterhalt zu. Dein Vater MUSS zahlen. Die Höhe rechnet ein Anwalt aus und dann kann man lange streiten wenn einer das will. Sobald die Scheidung dann durch ist, steht ihr Trennungsunterhalt zu. Im Wesentlichen also nur ein anderes Wort für das Geld, das dein Vater als Alleinverdiener monatlich an deine Mutter zahlen muss.
    Dein Vater wiederum kann verlangen, dass deine Mutter arbeiten geht, schließlich hat sie keine Kinder zu versorgen und ist ja aus eigener Sicht nicht krank. Deine Mutter müsste dann begründen, warum sie nicht arbeiten kann. Das ginge natürlich nur, wenn sie selber ihre psychische Krankheit ins Felde führt. Was sie ja nicht will.
    Was bleibt ist auf jeden Fall: Dein Vater müsste erst mal zahlen. Der Lebensstandard von allen würde sinken. Irgendwann lebt deine Mutter ggf. von Harz IV und auch dann würden die Behörden versuchen, sich das Geld zurück zu holen. Notfalls von der bis dahin gut verdienenden Tochter.

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    • Ich danke dir für diesen ausführlichen Kommentar.
      Die Geldfrage ist ein großes Problem, wie du das schon ganz richtig dargestellt hast. Aber egal, wie sich alles in der nächsten Zeit entwickeln wird, werden finanziell Abstriche gemacht werden müssen.

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  2. Hallo,
    für eine Scheidung müssen deine Eltern mindestens 1 Jahr getrennt leben (jedenfalls war das bis vor ein paar Jahren noch so). Das bedeutet also, deine Mutter wäre so oder so auf sich gestellt, wenn dein Vater nicht aus dem Haus möchte. Was ich absolut verstehen kann.
    Lg

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