Diagnose

Angefangen hat alles vor drei Jahren. Meine Mama arbeitete in einem Schuhladen. Sie hatte einen sehr stressigen Tag, war alleine auf der Arbeit. Und ich denke, dass das der Beginn der ganzen Misere war.
Zu der Zeit haben meine Eltern noch versucht meine Schwester und mich von all dem fernzuhalten. Ich bekam erst einige Wochen später mit, dass Mama wohl eine depressive Phase hatte. Sie ging zum Arzt, bekam Tabletten verschrieben. Mama nahm die Tabletten nicht sehr lange, fing irgendwann an über alle möglichen Schmerzen zu klagen.

Die Schmerzen sind ein Symptom (ich nenne es mal so) ihrer Krankheit.
Kribbelnde Beine, juckende Arme, Schmerzen unterhalb der Brust, Magenschmerzen, schmerzende Schultern, zittern im ganzen Körper, Sehstörungen, Taubheitsgefühle..
Mama dachte, sie hätte alle möglichen Krankheiten. Sie ging zu verschiedenen Ärzten, war für Untersuchungen im Krankenhaus. Einige davon wurden durchgeführt, andere nicht. Gespräche, die sie mit Ärzten führte, dauerten nicht lange an. Denn jeder Arzt, der auch nur einige Minuten mit Mama gesprochen hat, wusste, dass sie keine körperliche Erkrankung hat, dass sie psychisch krank ist. Leider wurde ihr das auch so mitgeteilt und schon da war es so weit, dass sie nicht einsehen wollte, dass sie eine psychische Erkrankung hat.

Sie verlor das Vertrauen in die Ärzte, da ihr ihrer Meinung nach jeder einreden wollte, dass sie nur ein paar Tabletten schlucken müsste, dass sie in die Psychatrie müsste und alles wieder gut wäre.
Niemand wollte ihr etwas einreden, jeder hat ihr nur die Wahrheit gesagt. Mama wollte das nicht akzeptieren.
Mein Papa war mit ihr bei einem Psychologen, der Sozialpsychatrische Dienst war bei uns zu Hause. Mein Papa hatte einen Einweisungsschein für eine Psychatrische Klinik in unserer Nähe im Auto zu liegen. Mama hätte nur zustimmen müssen, sie wäre eingewiesen worden. Unser aller Leben würde jetzt anders aussehen, wenn Mama in die Klinik gegangen wäre – ist sie aber nicht.

Ein weiteres Symptom, wie ich es nenne, sind die Wahnvorstellungen und paranoiden Gedanken.
Strom im Bett, Augenoperationen in der Nacht, Kameras im Haus, Leute die sie beobachten – die Liste ist lang. Eine Zeit lang waren nur die anderen die Bösen. Irgendwann fing Mama an gegen die Familie zu schießen. Ich denke das begann mit einem Telefonat ihrer Schwester und Papa. Meine Tante fragte ihn, ob wir nicht eine Bekannte einschalten wollen, die Psychologin ist und aüßerte die Vermutung, dass Mama schizophren sei. Mama hörte das Gespräch am anderen Telefon mit und somit war auch ihre Schwester für sie gestorben.
Auch das Verhältnis zu ihrer Mutter ist angeknackst, seit diese geäußert hat, dass Mama die ganze Familie zerstöre und doch endlich Tabletten nehmen soll.
Das hält Mama Oma immer noch vor und so weh es auch tut diesen Satz zu schreiben, aber sie hatte Recht. Hätte Mama sich behandeln lassen, wären wir wahrscheinlich immer noch eine ganze normale Familie. Aber unsere Familie ist zerstört und ich schreibe nicht, dass Mama daran Schuld ist, sondern ihre Krankheit.

Auch zu Papa verlor sie irgendwann das Vertrauen. Sie ist der Meinung, dass er überall mit drin steckt, in allen Verschwörungstheorien, die ihr Gehirn ihr vorgaukelt. Hätte Mama wenigstens zu ihm noch Vertrauen wäre alles halb so schlimm. Aber auch er ist Opfer ihrer Wahnvorstellungen.

Eine richtige Diagnose wurde nie gestellt und wahrscheinlich reicht auch dieser kleiner Text nicht aus, um all die charakteristischen Merkmale ihrer Krankheit darzustellen. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass meine Mama an einer Art Schizophrenie leidet.

Es gibt Tage, an denen ist sie wie früher. Es gibt Tage, an denen sie den ganzen Tag im Bett liegt, nur zum rauchen das Schlafzimmer mit verquollenen Augen verlässt. Es gibt Tage, an denen sie von morgens bis abends erzählt, was ihr in den letzten drei Jahren alles angetan wurde. An diesen Tagen fragt sie immer wieder nach dem „Warum?“, fragt immer wieder, was die Menschen, die an ihrer Situation Schuld sein sollen, davon haben, dass sie jetzt ein Wrack ist.
Niemand kann ihr Antworten geben, denn niemand weiß warum gerade sie an dieser Krankheit leidet, warum gerade sie sich nicht helfen lässt, nicht einsieht.
Manchmal ist tage-, wochen- oder auch monatelang alles in Ordnung, bis es dann wieder von vorne losgeht und ich habe das Gefühl, dass es von mal zu mal schlimmer wird.

Ich weiß nicht, wo das enden wird.

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4 Gedanken zu “Diagnose

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