Der Morgen danach

Wenn Mama einen schlechten Tag hatte oder der Abend mit Papa mal wieder ausgeartet ist, dann beginnt der Morgen danach mit Fragen über Fragen, einem sehr flauen Gefühl in der Magengegend und irgendwie mit Angst.
Wenn der Wecker klingelt schlage ich meine Augen auf. Manchmal muss ich erst mal reflektieren und mir sagen, dass das kein Traum ist, dass alles ganz real ist. Leider.
Dann lausche ich. Teller klappern. Trampeln auf der Treppe. Mama rennt hoch, knallt eine Tür zu, rennt wieder runter. Ich höre sie mit sich selbst reden. Ob Papa schon wach ist?

Ich liege noch eine Weile im Bett. Schleiche mich ins Bad. Schnell auf die Toilette und dann wieder ins Bett. Eine Zeit lang habe ich an solchen Morgenden lange auf dem Flur gesessen und gelauscht, wenn Mama geweint oder Papa Vorwürfe gemacht hat. Das tue ich mir schon eine Weile nicht mehr an. Ich will das nicht mehr hören, will mich dieser Belastung nicht mehr ausetzen.

Irgendwann muss ich mich dann entscheiden, ob ich den ganzen Vormittag im Bett liegen bleibe oder einen passenden Moment ausnutze, um hinunter zu gehen. Wenn Mama eine Zigarette rauchen geht, traue ich mich.
Ich gehe in die Küche. Brötchen backen im Ofen. Mama kommt und flüstert leise vor sich hin, dass sich irgendwann alles rächen wird. Ich setze mich in den Sessel, blättere in der Werbung. Mama läuft hin und her. Raucht an der Terassentür eine weitere Zigarette, ein Taschentuch in der Hand, kopfschüttelnd. Sie geht in die Küche, starrt aus dem Fenster, setzt sich auf die Couch, eingekuschelt in die Decke, den Kopf zur Wand gedreht.

Papa kommt runter, wir decken zusammen den Tisch. Mama kommt und stellt ihren Teller weg. Sie will nichts essen, macht sich einen Kaffee. Papa sagt, dass er ihr doch schon einen gemacht habe. Aber sie will ihren eigenen.
„Ich nehme meinen kleinen Kaffee und geh dann wieder in den Keller. Da kann ich heulen und mich selbst bemitleiden. Das macht man doch jetzt so. Und heulen darf man doch sowieso nicht mehr. Dabei tut das so gut. Ich sag’s dir noch mal, ich will hier weg. Wenn du das Haus nicht verkaufst und diesen Schritt nicht mit mir gehst, dann lasse ich mich scheiden. Ich mache das jetzt wirklich. Ich wurde so kaputt gespielt. Ich weiß jetzt alles. Jetzt fügt sich alles zusammen. Der Schuh damals im Laden, mir wurde dafür die Schuld gegeben. Mich wollten sie loswerden. Die haben alle unter einer Decke gesteckt. Die Sparkasse war da auch mit drin. Alle korrupt. Die wollten mich ruhig stellen mit Pillen und dann in die Psychatrie stecken. So sollte es doch sein.“
Und dann der Ritterschlag. Der ausschlaggebende Satz. Das schlimmste, was Mama sagen könnte.

Und du hast überall mitgemischt. Du steckst da auch mit drin Tommi.

Papa ist Mamas Meinung nach auch daran Schuld, dass alles ist, wie es ist. Sie sagt, dass sie nicht weiß, was irgendwer davon gehabt hat, dass es ihr jetzt so schlecht geht, dass sie ein Wrack ist.

Ich muss schlucken. Die Tränen laufen schon die ganze Zeit über mein Gesicht. Ich hole mir ein Taschentuch, drehe mich von Papa weg, will mich zusammen reißen, nicht weinen. Aber da schluchze ich schon vor mich hin. Papa küsst mir den Kopf und setzt sich. Eine kleine Geste, die mich wieder beruhigt. Ich setzt mich hin, frühstücke mit Papa.

Mama kommt wieder in die Küche und sofort geht es weiter. Sie schießt gegen Papa, ihre Mutter, ihre Schwestern, ihre alte Chefin, unsere Heimatstadt und die ganze Welt. Ich kann mir das nicht mehr anhören, nehme meinen Tee und gehe vor die Tür, um eine Zigarette zu rauchen. Ich höre Mama bis vor die Tür zetern. Auch als ich meine leere Tasse in die Küche bringe, ist es noch nicht vorbei. Ich gehe in mein Zimmer und schreibe diesen Blog.

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6 Gedanken zu “Der Morgen danach

  1. Wow. Ich muss ehrlich sagen, dass es bewundernswert ist, dass du nicht ausgezogen bist, dass du zu deiner erkrankten Mutter und zu deinem Vater hältst, der in ihre Wahnvorstellungen wohl wiederholt reingezogen wird. Wäre ich an deiner Stelle, hätte ich wohl den Schwanz eingezogen, wäre ausgezogen und hätte mit aller höchster Wahrscheinlichkeit den Kontakt zu meiner Mutter abgebrochen.

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    • Ich wohne eigentlich nicht mehr zu Hause. Ich bin zum studieren in eine andere Stadt gezogen. Ich fahre aber jedes Wochenende nach Hause. Weil ich noch Semesterferien habe, bin ich zur Zeit öfter daheim.
      Ich will meine Schwester und auch meinen Papa nicht alleine lassen und hab das Gefühl, dass ich ihnen beistehen muss, weil sie nicht flüchten können wie ich.
      Den Kontakt könnte ich niemals abbrechen, dafür liebe ich sie viel zu sehr. Sie ist nun mal einfach krank. Natürlich kann man damit nicht alles entschuldigen. Aber sie kann selbst nichts dafür. Sie hat schon genug Probleme, da kann und will ich ihr nicht auch noch eine Tochter nehmen.

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