Wieder mal ausgeartet

Ich war noch kurz unterwegs, kam um 20:30 Uhr nach Hause. Ich parkte das Auto, lunschte ins Haus. Im Wohnzimmer war alles dunkel. Schlief sie schon? Ich schlich mich ins Haus, lauschte. Oben war niemand. Meine Schwester war wahrscheinlich noch unterwegs. Ob Mama schon im Bett liegt? Ich hörte Stimmen aus dem Keller. Aufgeregtes Plappern von Mama und keinen Ton von Papa wie üblich. Obwohl ich keine Lust hatte, ging ich trotzdem runter in den Partykeller, setzte mich dazu, weil ich Papa nicht alleine lassen wollte. Das ist so typisch: der Gedanke, dass ich Papa nicht alleine lassen will, für ihn da sein möchte, weil er doch derjenige ist, der am meisten Leid trägt – außer Mama natürlich.

Wir unterhielten uns über dieses und jenes. Es war ganz angenehm aber ungewohnt. Ich weiß nicht mehr genau, wann ihre Stimmung anfing umzuschlagen. Ich glaube, als es um mein Plakat ging. Vor ein paar Jahren habe ich Werbung für Konzerte, Auftritte etc. in unserer Stadt gemacht. Ich hing in der ganzen Stadt verteilt mit Instrumenten auf dem Arm. Mama sagte, dass sie stolz auf mich war und es noch ist. Sie hat jedoch nie mit mir angegeben, weil ich singen kann. Erst als die Plakate in der Stadt hingen und ich kurze Zeit später meinen ersten öffentlichen Auftritt hatte, wurde in der Nachbarschaft, bei Freunden und Bekannten bekannt, dass ich keine schlechte Stimme habe. Plötzlich sagte Mama, dass sie es nicht gut fand, dass ich sogar in der nächstgelegenen Großstadt hing – anderthalb Stunden Autofahrt entfernt. Eine Bekannte hatte ihr das wohl erzählt. Ich konnte mir das überhaupt nicht vorstellen, sagte aber nichts dazu. „Mit diesen Plakaten zieht man die Aufmerksamkeit auf sich. Und vielleicht nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf die Familie. Die Familie wird dadurch vielleicht auch interessant.“

Oh, das war neu, dachte ich. Jetzt war ich wohl Schuld an der ganzen Misere. Ich ließ mir nichts anmerken und entgegnete bloß, dass es ja nichts schlimmes sei, da ich die Aufmerksamkeit ja nicht mit etwas negativem auf mich bzw. uns gezogen habe. Aber es war zu spät. Der Schalter war umgelegt.
Papa und ich konnten ihr einige Minuten später kaum noch folgen. Sie redete von diesem und jenem. Sprunghaft wechselte sie das Thema, stand zwischendurch auf, um ihrer Rede Nachdruck zu verleihen, fuchtelte mit den Armen. Im Minutentakt steckte sie sich eine Zigarette an, mal vor der Tür, mal im Keller.
„Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich was anderes gelernt. Einen Beruf mit dem ich die Welt verbessern hätte können, mit dem ich hätte helfen können.
Plötzlich stört dich das ja – das Rauchen. Als du damals einfach aufgehört hast, hat dich das ja plötzlich gestört. Früher haben wir immer drinnen geraucht. Dann bist du ja plötzlich nicht mal mehr mit mir mitgekommen zum rauchen.
Das hat auch alles an dem Tag angefangen. Als mich alle kaputt machen wollten. Als meine Schmerzen angefangen haben und ich komische Nachrichten bekomme habe, die angeblich niemand geschrieben hat.“

Ich hörte zu. Ich kannte das ja. Wir alle kannten das. Papa versuchte einzulenken, versuchte ruhig auf sie einzureden. Aber sie ließ ihn ja nicht mal ausreden.
„Ich war bei Ärzten und niemand wollte mir helfen. Ich hab gesagt, dass ich Schmerzen in den Beinen habe, unter der Brust, Ausschlag an den Armen. Niemand wollte mich behandeln. Alle haben immer nur gesagt, dass ich in die Psychatrie soll und Pillen schlucken. Sogar meine eigene Mutter hat nur gesagt, dass das Muskelkater sein soll. Warum? Warum hat sie so etwas gesagt? Meine Schwestern haben komische Fragen gestellt. Als wir bei dem Konzert waren, haben mich alle komisch angegeuckt.“ Und so weiter und so fort..

Innerhalb einer sehr kurzen Zeit kann Mama sehr viele Sachen wiedergeben, die ihr in den letzten drei Jahren passiert sind. Vieles kannte ich schon, vieles hatte ich schon wieder vergessen.  Ich weiß nicht warum, aber ich ärgere mich sehr darüber, dass ich die Reden von Mama nie wortgetreu wiedergeben kann. Ich denke, dass es für Außenstehende sehr schwierig ist die Situation nachzuvollziehen.

Nach einer Weile schickte sie mich in mein Zimmer. Sie redete die ganzen Zeit in einem strengen, erbosten, wütenden Ton. „Ich würde es gut finden, wenn du jetzt hoch gehst.“ Zum Schluss noch ein Vorwurf, dass ich ja auch zu ihr gesagt hätte, dass sie sich helfen lassen soll.
Das hat gesessen.

Ich gehe in mein Zimmer und beginne diesen Blog.

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