Wenn Papa weint

Als Papa mich gestern zum Bahnhof brachte und wir auf den Zug warteten, nahm er mich in den Arm und ich schluchzte und ließ meine Tränen laufen. Der Himmel weinte mit mir – es regnete in Strömen.

Während wir uns unterhielten, scharrte er die ganze Zeit mit den Füßen auf dem Boden. Er schaute in den Himmel, nach unten und wieder zurück.
Als er mich im Arm hielt, sagte er mir, dass wir Kinder ihm am meisten Leid tun. Und ich dachte nur, dass es mir genauso geht. Diese Selbstlosigkeit in einer schrecklichen Situation nicht an sich selbst, sondern an andere zu denken, habe ich wohl von ihm.

Als der Zug kam, stieg ich ein, suchte mir einen Sitzplatz am Fenster, um zu winken – unser Ritual. Papa guckte die ganze Zeit auf den Boden, die Händen in den Taschen, mit den Füßen scharrend. Der Zug rollte los und er schaute mich immer noch nicht an. Ich dachte, dass er doch jetzt endlich hochgucken solle, dass er es mir jetzt nicht noch antun solle sein Gesicht nicht noch mal zu sehen, unser Ritual zu brechen. Jetzt würde ich mir wünschen, er hätte nicht hoch geguckt, mir nicht gewunken.

Als er mich anblickte, war sein Gesichtsausdruck schmerzerfüllt. Er versuchte zu lachen, aber ich sah ihm an, wie sehr er sich quälte. Ich sah ihn noch, als ihm sein Lächeln entglitt, seine Augen sich mit Tränen füllten, er sich von mir wegdrehte, dass ich ihn nicht sehen muss. Aber der Zug war noch nicht weit genug gefahren und ich sah, wie er sich umdrehte, die Hand vor den Mund hielt und weinte.

Mein Papa weinte. Mein Papa, der stärkste Mann der Welt. Mein Papa, der seine Familie so unendlich liebt, dass er sie nicht verlässt und immer noch alles tut, um Mama zu retten. Mein Papa, der Mann, der sonst immer den Durchblick behält. Mein Papa, der Mann, der sonst alles weiß. Mein Papa, mein Held.
Mein Papa stand am Bahnhof und weinte. Es brach mir das Herz. Anderthalb Stunden Zugfahrt weinte ich bitterlich, konnte mich nicht beruhigen. Es tat mir so unendlich weh, ihn so leiden zu seh.

Auch jetzt noch, wenn ich diesen Text schreibe, kann ich durch meine tränenerfüllten Augen kaum etwas sehen. Das Bild meines Papa, der am Bahnhof steht und weint, geht mir einfach nicht aus dem Kopf.
Wenn ich keinen Ausweg wusste, wusste Papa eine Lösung. Aber nun ist alle Hoffnung verloren. Es gibt keinen Notausgang, keine Rettung. Wir sind verloren, dass zeigten mir Papas Tränen einmal mehr.

„Gibt es denn keinen anderen Weg?“

… fragte Papa gestern, als er von der Arbeit kam. Ich saß noch in der Küche und trank Tee. Mama wartete nicht mal ab, bis ich in mein Zimmer flüchten konnte. Sie belagerte ihn sofort.
„So Tommi, ich möchte jetzt eine Entscheidung von dir hören. Ich möchte wissen, ob du diesen Schritt mit mir gehst, das Haus verkaufst und wir in eine andere Stadt ziehen. Ich hasse dieses Haus, diese Stadt, die Menschen..“ Und es ging genauso weiter wie den Tag davor, davor und davor..
Seit 5 Tagen ging das so. Seit ich wieder zu Hause war, machte Mama Papa von morgens bis abends Vorwürfe, erzählte ihre Geschichte. Ihre Geschichte, die wir alle in- und auswendig kennen.

Papa ist kaputt, er kann nicht mehr. Wie muss es ihm damit gehen, jetzt eine Entscheidung treffen zu müssen? Und welche Möglichkeiten gibt es überhaupt?
Möglichkeit A) Papa verkauft das Haus, wie Mama es möchte. Wir ziehen um. Meine Schwester würde die Schule wechseln müssen. Papa müsste sich einen neuen Job suchen. Wir würden noch mal ganz von vorne anfangen. Mama würde ein neues Haus bauen wollen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Unser Haus ist Papas Baby. Er hat es gebaut, er hat so viel gemacht an diesem Haus. Er würde es Mama nie verzeihen, wenn er es verkaufen würde. Schlussendlich würde spätestens nach einem halben Jahr die ganze Misere in der neuen Stadt von vorne losgehen. Mama denkt, dass sie einfach von den ganzen Menschen wegmüsse, um alles zu vergessen und wieder normal weiterleben zu können. Aber das funktioniert so nicht. Sie ist krank und ihre Krankheit würde mit umziehen.
Möglichkeit B) Papa verkauft das Haus nicht. Mama zieht aus. Wie sollte das funktionieren? Mama geht nicht arbeiten, verdient kein Geld. Papas Einkommen reicht aus, um einen Haushalt zu versorgen, nicht für zwei. Scheidung? Aber mit welchem Grund? Wenn Mama zum Anwalt geht und sagt, dass sie die Scheidung will, wird sie ihre Geschichte erzählen und kein Richter wird das ernst nehmen. Ein psychologisches Gutachten würde erstellt werden. Das würde ihr komplett den Boden unter den Füßen wegreißen.

Nachdem ich mich in mein Zimmer verkrümelt habe, habe ich Mama schreien hören wie noch nie. Ob Papa denn total bekloppt seie. Dass sich ja jetzt alles bestätigen würde. Er habe sie nie geliebt. Es ginge immer nur um ihn. Jetzt wüsste sie Bescheid.
Ich wusste nicht, was Papa gesagt hatte, dass Mama so ausflippt. Später erzählte er es mir.

Papa brachte mich zum Bahnhof. Ich fuhr wieder in die Großstadt, wo ich des Studiums wegen wohne. Ich hab zwar noch Semesterferien, muss aber für mündliche Prüfungen lernen und da kann ich mich in meiner Wohnung einfach besser konzentrieren.
Schon im Auto fing Papa an zu erzählen. Ich merke immer, wenn wir alleine sind, dass es ihm gut tut mit jemandem zu reden. Er braucht das. Er frisst alles in sich hinein, sieht selber keinen Ausweg mehr.
Er fragte mich, was er denn nun tun solle. Ich machte ihm den Vorschlag das Haus erst mal zu vermieten, dass es nicht sofort weg ist und man vielleicht die Möglichkeit hat, wieder zurückzukommen, falls sich doch noch irgendwann alles zum Guten wenden sollte. Aber er weiß ja so gut wie ich, dass auch ein Umzug nichts ändern wird. Er erzählte mir, was er gesagt hat, als Mama so ausgeflippt ist. Er hat ihr den Vorschlag gemacht ihr Geld zu geben, dass sie sich alleine eine Wohnung suchen kann. Dieser Vorschlag kam von Mama, nicht von Papa, er hat ihn nur noch mal wiederholt. Aber das war wohl zu viel.
Aber auch wenn sie ausziehen würde, sagte Papa, hätte er ja keine Ruhe. Er wüsste ja nicht, wie sie zurechtkäme und würde sich nur Sorgen machen. Drei Jahre diese ausweglose Situation und trotzdem denkt er immer noch an Mama und ihr Wohlbefinden.

Mein armer Papa muss sich Vorwürfe anhören, dass er Mama nicht liebt. Dabei ist er es doch, der seit drei Jahren bei ihr ist, zu ihr steht. Er hat mir gestern erzählt bei wie vielen verschiedenen Ärzten und Psychologen er war, mit wem er alles telefoniert hat. Das wusste ich alles gar nicht. Mein Papa ist so stark. Er ist in einer ausweglosen Situation, genau wie der Rest unserer Familie. Aber er hat den größten Balast zu tragen. Er hat muss sich tagtäglich Vorwürfe anhören, die so unglaublich bösartig sind und mir das Herz brechen.
Papa hat gesagt, dass er das nicht mehr lange durchhält und doch im gleichen Atemzug sagte er, dass er nicht wisse, was er machen soll. Er findet keine Lösung, sieht keinen Ausweg. Er sagte, dass er auch auf der Arbeit nicht mehr abschalten kann, dass kleinste Aufgaben für ihn zum Problem werden.

Ich fühle mich so hilflos Papa so leiden zu sehen.

Brief an Mama

Diesen Brief wollte ich meiner Mama vor drei Jahren zum Geburtstag geben – habe es aber nicht getan.

Liebe Mama,
als erste möchte ich, dass du diesen Brief liest, wenn du alleine bist und, dass niemand anderes diesen Brief liest. Außerdem will ich, und das ist eigentlich das allerwichtigste, dass du mir glaubst, dass alles, was in diesem Brief steht hundertprozentig wahr ist und du mir voll und ganz vertrauen kannst. Ich mein, ich bin deine Tochter und ich hoffe einfach, dass du mir glaubst. Ich sehe diesen Brief als einzige und letzte Möglichkeit unsere Familie und vor allem dich zu retten. Ich will nicht, dass du an etwas kaputt gehst, was wenigstens so weit reperabel ist, dass du damit leben kannst.
Also, als erstes Mal, sollst du wissen, dass ich alles, was du mir in den letzten Monaten erzählt hast, glaube. Ich stelle nichts davon infrage oder unterstelle dir, dass du dir etwas davon ausgedacht hast.
Genauso, wie ich dir glaube und vertraue, dass du ehrlich zu mir bist, musst du mir aber auch glauben und vertrauen.
Du hast etwas mit deiner Psyche, ein Problem, das reperabel ist, wenn du es dir selbst eingestehst, zum Arzt gehst und dir helfen lässt.
Und wenn du es dir selbst nicht glauben kannst, dann vertrau bitte, bitte, bitte mir und lass dich behandeln.
Ich weiß, du hast körperliche Schmerzen, aber wieso um alles in der Welt, sollte dich ein Arzt wieder nach Hause schicken, wenn du körperlich krank wärst? Wieso sollte dich die ganze Welt und noch dazu deine Familie fertig machen wollen? Wir waren glücklich, sehr glücklich und uns vieren hat es an nichts gefehlt. Und so kann es wieder werden, wie früher. Wenn du dir von einem Psychiater helfen lässt, wenn du mir jetzt glaubst und vertraust, dass ich dich wieder so glücklich sehen will wie früher und nicht in ein paar Monaten oder Jahren tod, weil du selber nicht rauskommst, wo du reingeraten bist. Reingeraten in eine Krankheit, eine psychische Krankheit, die jeden hätte erwischen können. Nun hat sie dich erwischt und jeder aus deiner Familie versucht dir beizustehen, aber du lässt niemanden an dich heran.
Papa ist am Ende derjenige, der alles versucht hat, um dich davon zu überzeugen, dass dir niemand auf der Welt etwas schlechtes antun will.
Und nun bin auch ich am Ende mit meinem Brief und mit dem, was ich dir zu sagen habe. Meine letzte Hoffnung, anders weiß ich mir nicht mehr zu helfen, dir nicht zu helfen, uns nicht zu helfen.
Ich liebe dich und hoffe, das weißt du. Das ist wahrscheinlich der einzige Grund mit dem ich dich überzeugen kann, mir all das hier zu glauben.
„Wie wertvoll die Gesundheit ist, erkennt man bereits daran, dass es sehr viele Krankheiten, aber nur eine Gesundheit gibt.“
Also vertrau mir und auch einem Psychologen, der dir nur helfen will und der Einzige ist, der dir helfen kann und werd wieder gesund.
Deine Tochter Izzy

Ein dreijähriger Drogentrip

Ich versuche immer wieder zu verstehen und nachzuvollziehen. Wie muss es sich anfühlen, wenn man denkt, dass die ganze Welt gegen einen ist. Wie muss es sich anfühlen, wenn man denkt, dass jeder einem was böses will.
Je länger ich darüber nachdenke, desto schlechter geht es mir. Wie schrecklich muss es sein jeden Tag auszuwachen und zu denken, dass die ganze Familie einen kaputt machen will. Wie einsam muss man sich fühlen, wenn man denkt niemandem mehr vertrauen zu können.

Ich vergleiche Mamas Krankheit öfter mit einem übermäßigen Drogenkonsum, mit einen Drogentrip, einem Horrortrip. Jeder, der selbst schon mit Drogen experimentiert hat, wird wissen, was ich meine. Auch ich habe schon einige Drogen gekostet. Einen richtig schlimmen Trip hatte ich jedoch noch nie und doch habe ich durch Freunde schon genug Erfahrungen damit gemacht.

Jemand, der Drogen nimmt, zu viele Drogen kann einen Horrortrip haben. Man sieht Menschen, die nicht da sind, hört Stimmen, die kein anderer hört. Das Gehirn spielt einem vor, dass alles real ist. Man kann oft nicht nachvollziehen, dass andere nicht das gleiche empfinden oder wahrnehmen.
Man denkt, dass die anderen über einen lachen, einen nachahmen, einen hereinlegen. Aber dem ist nicht so. Die Welt um einen herum läuft normal weiter. Die anderen befinden sich in der Realität. Man selbst ist gefangen in den eigenen Gedanken, in dem, was das Gehirn einem vorspielt. Für einen selbst ist der Trip die Realität. Der Trip ist für ein paar Stunden die eigene Welt. Dann ist alles wieder vorbei. Man selbst kann realisieren und versteht. „Hey, das war nur der Trip. Wow, das hat sich so real für mich angefühlt. Aber es war nur in meinem Kopf.“

Mamas Trip dauert nicht nur ein paar Stunden an. Seit drei Jahren lebt sie in ihrer eigenen Relaität.

Wahrscheinlich ist das ein Grund, warum ich ihr nicht böse, nicht nachtragend bin, egal, was sie tut oder sagt. Ich weiß, dass es für sie selbst am schlimmsten sein muss. Sie selbst leidet am meisten darunter.

Mama lebt in ihrer eigenen Welt, in der sie nichts versteht, niemandem vertraut und niemand auf ihrer Seite ist. Wie schlimm muss das nur sein für meine geliebte Mama. Meine arme Mama, für die ich nichts tun kann, für die ich selbst manchmal auf der bösen Seite stehe.

Diagnose

Angefangen hat alles vor drei Jahren. Meine Mama arbeitete in einem Schuhladen. Sie hatte einen sehr stressigen Tag, war alleine auf der Arbeit. Und ich denke, dass das der Beginn der ganzen Misere war.
Zu der Zeit haben meine Eltern noch versucht meine Schwester und mich von all dem fernzuhalten. Ich bekam erst einige Wochen später mit, dass Mama wohl eine depressive Phase hatte. Sie ging zum Arzt, bekam Tabletten verschrieben. Mama nahm die Tabletten nicht sehr lange, fing irgendwann an über alle möglichen Schmerzen zu klagen.

Die Schmerzen sind ein Symptom (ich nenne es mal so) ihrer Krankheit.
Kribbelnde Beine, juckende Arme, Schmerzen unterhalb der Brust, Magenschmerzen, schmerzende Schultern, zittern im ganzen Körper, Sehstörungen, Taubheitsgefühle..
Mama dachte, sie hätte alle möglichen Krankheiten. Sie ging zu verschiedenen Ärzten, war für Untersuchungen im Krankenhaus. Einige davon wurden durchgeführt, andere nicht. Gespräche, die sie mit Ärzten führte, dauerten nicht lange an. Denn jeder Arzt, der auch nur einige Minuten mit Mama gesprochen hat, wusste, dass sie keine körperliche Erkrankung hat, dass sie psychisch krank ist. Leider wurde ihr das auch so mitgeteilt und schon da war es so weit, dass sie nicht einsehen wollte, dass sie eine psychische Erkrankung hat.

Sie verlor das Vertrauen in die Ärzte, da ihr ihrer Meinung nach jeder einreden wollte, dass sie nur ein paar Tabletten schlucken müsste, dass sie in die Psychatrie müsste und alles wieder gut wäre.
Niemand wollte ihr etwas einreden, jeder hat ihr nur die Wahrheit gesagt. Mama wollte das nicht akzeptieren.
Mein Papa war mit ihr bei einem Psychologen, der Sozialpsychatrische Dienst war bei uns zu Hause. Mein Papa hatte einen Einweisungsschein für eine Psychatrische Klinik in unserer Nähe im Auto zu liegen. Mama hätte nur zustimmen müssen, sie wäre eingewiesen worden. Unser aller Leben würde jetzt anders aussehen, wenn Mama in die Klinik gegangen wäre – ist sie aber nicht.

Ein weiteres Symptom, wie ich es nenne, sind die Wahnvorstellungen und paranoiden Gedanken.
Strom im Bett, Augenoperationen in der Nacht, Kameras im Haus, Leute die sie beobachten – die Liste ist lang. Eine Zeit lang waren nur die anderen die Bösen. Irgendwann fing Mama an gegen die Familie zu schießen. Ich denke das begann mit einem Telefonat ihrer Schwester und Papa. Meine Tante fragte ihn, ob wir nicht eine Bekannte einschalten wollen, die Psychologin ist und aüßerte die Vermutung, dass Mama schizophren sei. Mama hörte das Gespräch am anderen Telefon mit und somit war auch ihre Schwester für sie gestorben.
Auch das Verhältnis zu ihrer Mutter ist angeknackst, seit diese geäußert hat, dass Mama die ganze Familie zerstöre und doch endlich Tabletten nehmen soll.
Das hält Mama Oma immer noch vor und so weh es auch tut diesen Satz zu schreiben, aber sie hatte Recht. Hätte Mama sich behandeln lassen, wären wir wahrscheinlich immer noch eine ganze normale Familie. Aber unsere Familie ist zerstört und ich schreibe nicht, dass Mama daran Schuld ist, sondern ihre Krankheit.

Auch zu Papa verlor sie irgendwann das Vertrauen. Sie ist der Meinung, dass er überall mit drin steckt, in allen Verschwörungstheorien, die ihr Gehirn ihr vorgaukelt. Hätte Mama wenigstens zu ihm noch Vertrauen wäre alles halb so schlimm. Aber auch er ist Opfer ihrer Wahnvorstellungen.

Eine richtige Diagnose wurde nie gestellt und wahrscheinlich reicht auch dieser kleiner Text nicht aus, um all die charakteristischen Merkmale ihrer Krankheit darzustellen. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass meine Mama an einer Art Schizophrenie leidet.

Es gibt Tage, an denen ist sie wie früher. Es gibt Tage, an denen sie den ganzen Tag im Bett liegt, nur zum rauchen das Schlafzimmer mit verquollenen Augen verlässt. Es gibt Tage, an denen sie von morgens bis abends erzählt, was ihr in den letzten drei Jahren alles angetan wurde. An diesen Tagen fragt sie immer wieder nach dem „Warum?“, fragt immer wieder, was die Menschen, die an ihrer Situation Schuld sein sollen, davon haben, dass sie jetzt ein Wrack ist.
Niemand kann ihr Antworten geben, denn niemand weiß warum gerade sie an dieser Krankheit leidet, warum gerade sie sich nicht helfen lässt, nicht einsieht.
Manchmal ist tage-, wochen- oder auch monatelang alles in Ordnung, bis es dann wieder von vorne losgeht und ich habe das Gefühl, dass es von mal zu mal schlimmer wird.

Ich weiß nicht, wo das enden wird.

Gott im Himmel?

Ich bin nicht religiös, wurde nicht christlich erzogen. Auch meine Eltern und Großeltern haben mit der Kirche nichts am Hut. Wir gehen auch an Weihnachten oder anderen Feiertagen nicht in die Kirche. Ich denke also, dass ich mich Atheistin bezeichnen kann. Laut dem Duden ist der Atheismus eine Weltanschauung, die die Existenz [eines] Gottes verneint bzw. bezweifelt. Das trifft auf mich zu. Ich habe keinerlei Bezug zur Kirche.

Ich bin ein sehr toleranter Mensch und akzeptiere natürlich trotz dessen alle Religionen und auch alle Menschen, die an [einen] Gott glauben. Christen, Juden, Buddhisten, Hindus, Muslime – ich glaube, dass ich sie manchmal sogar bewundere oder auch beneide. Schließlich glauben all diese Menschen an eine höhere Macht. Und sicherlich begründen sie auch viele Dinge, die in der Welt passieren mit ihrem Glauben, dem Schicksal, Karma etc., um besser damit umgehen und verstehen zu können.

Ich glaube an keinen Gott, ich glaube an keine höhere Macht. Seit drei Jahren glaube ich an gar nichts mehr, habe den Glauben an die Menschheit und den gesunden Menschenverstand verloren.
Würde es einen Gott geben, würde er Mama und meiner Familie so ein Schicksal antun? Und wenn ja, dann stelle ich die große Frage, um die alles kreist: W A R U M ?
Warum sollte man einer Frau so etwas schreckliches antun? Warum sollte man eine Familie zerstören? Warum sollte man ein kleines 16-jähriges Mädchen kaputt machen? Warum sollte man eine 20-Jährige daran zerbrechen lassen? Warum sollte man einen liebenden Mann und Vater so leiden lassen?

Das Karma kommt aus dem Hinuismus. Es bezeichnet ein spirituelles Konzept, nach dem jede Handlung eine Folge hat. Kurz gesagt: Tue ich gutes, wird mir gutes widerfahren – tue ich schlechtes, wird mir schlechtes widerfahren. Ich kann nicht sagen, dass ich daran glaube. Ich kann sagen, dass ich hoffe, dass es Karma gibt.
Denn wir sind doch keine schlechten Menschen. Meine Mama ist ein guter Mensch, mein Papa ist ein guter Mensch, meine Schwester ist ein guter Mensch und ich bin auch ein guter Mensch. Zumindest sind wir alle keine schlechten Menschen und doch müssen wir uns mit einem Schicksal, einer Krankheit quälen, die dabei ist meine Familie zu zerstören.

Ich bewundere Menschen, die mit Hilfe eines Gottes mit Schicksalsschlägen besser umgehen können. Ich denke, dass das eine große Hilfe sein kann. Ich habe diese Hilfe nicht. Was soll mir ein Wesen im Himmel sagen wollen, wenn es meine Familie mit dieser Krankheit bestraft?

Mein geliebter Papa

Seit drei Jahren dreht meine Mama frei, seit drei Jahren bin ich nicht mehr glücklich, ist mein Papa traurig, leidet meine Familie sehr. Ich denke derjenige, der am meisten darunter leidet, außer Mama selbst natürlich, ist Papa. Denn schließlich muss er sich nicht nur tagtäglich Mamas Ängste, Einbildungen und Wahnvorstellungen anhören – das wäre die eine Sache und vielleicht noch vertretbar. Aber nein, leider ist er selbst Teil ihrer Wahnvorstellungen und Paranoia. Er steckt überall mit drin, er steckt mit allen unter einen Decke, will sie kaputt spielen, aus unerfindlichen Gründen.

Ich kann es kaum aushalten, wenn ich darüber nachdenke, was mein geliebter Papa seit drei Jahren mitmacht. Mein Papa ist so ein unglaublich starker Mann. Andere hätten schon vor zwei Jahren die Biege gemacht, aber er ist immer noch da. Mein Papa ist Hauptverdiener der Familie, ernährt seit ich denken kann vier Menschen von einem Gehalt. Er hat uns ein Haus gebaut, kümmert sich um Finanzen, Versicherungen etc. Mein Papa ist für mich der schlauste Mann der Welt.
Die Tatsache, dass er immer noch hier ist, zeugt für mich von bedingungsloser Liebe – egal, ob diese Liebe Mama oder mir und meiner Schwester gilt. Er ist ein großartiger Mensch. Ich liebe ihn von Herzen und gäbe es irgendetwas, dass sein Leid beenden könnte, ich würde es auf der Stelle tun.

Wenn ich nach Hause komme und Papa apathisch aus dem Fenster schaut, tagelang nicht lacht und nur körperich anwesend ist, bricht es mir das Herz. Er hat alles für unsere Familie getan und was ist der Dank?
Mama macht ihm Vorwürfe, sagt, dass er an allem Schuld ist, sie kaputt machen wollte und es geschafft hat.
In den wenigen Momenten, in denen ich mit Papa noch darüber rede, sagt er mir jedes Mal, dass man selbst zu glauben beginnt, was man tagtäglich hört. Diese Aussage ist, als würde man mir ein Messer in die Brust rammen.

In letzter Zeit denke ich ich sehr oft darüber nach, was ich antworten würde, wenn mich jemand fragte, was das schlimmste Gefül auf Erden sei.
M A C H T L O S I G K E I T
Nicht die eigene ausweglose Situation macht mich kaputt, sondern der Gedanke, dass ich Papa nicht helfen, nicht beistehen kann. Ich kann nichts tun. Ich kann die Situation nicht ändern und das wahrscheinlich nie.